Illusion Gapyear/ Traumjob wanted

Zwei Tage sind es noch, bis sich mein Abitur zum ersten mal jähren wird. Nun auch ganz offiziell ist mein Jahr Auszeit also quasi vorbei. Ziehen wir also ein Gapyear-Erfolgsrésumé, mithilfe dieses netten Auszug zum Thema „Gapyear“:

Wie soll es jetzt für mich weitergehen? Um [diese Frage] beantworten zu können, müssten die Schulabgänger erst einmal wissen, was sie vom Leben wollen. Doch wer weiß das schon nach acht oder neun Jahren Schule? Deswegen gönnen sich viele nach dem Abitur eine Auszeit, ein sogenanntes Gap Year, um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen…“

http://karrierebibel.de/gap-year/

Obwohl die Prämisse bezüglich des Ausgangszustandes vollkommen korrekt ist und keinerlei Korrektur benötigt, würde ich persönlich den implizierte Nutzen des Gap Years leicht umformulieren. Denkbar wäre beispielsweise: Deswegen gönnen sich viele nach dem Abitur eine Auszeit, um in eine nicht enden wollende Prokrastination jedes mit der Zukunft zusammenhängenden Gedankens einzusteigen. Hierbei sinkt die Bereitschaft und Fähigkeit, eine diesbezügliche Entscheidung zu treffen faszinierender Weise in den negativen Bereich ab. 

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zugegebener Weise komplett zusammenhangloses Foto als reiner Lückenfüller

So hat sich auch meine Entscheidungsfestigkeit in Sachen beruflichem Werdegang seit meinem plötzlich entstandenen Interesse an der Medizin Juni 2013, den ich fast ausschließlich mit den Scrubs-Staffeln 1-9 verbrachte, immer wieder gewendet. Die nächsten zwei Jahre ließ sich das Thema mit Sprüchen wie „ach, du hast ja noch Zeit!“ gekonnt umgehen, bis ich mich November 2015 dann auf einem 8 stündigen Medizinstudiums-Infotag wiederfand. Ob es die Aussichten auf 70.000 Tacken Studienplätze in Rumänien, 11 jährige Verpflichtungen bei der Bundeswehr für einen Studienplatz oder einfach nur die 8,5 Stunden auf klapprigen Plastikstühlen waren – irgendwas hatte mich in den Medizin-Bann gezogen. Akribisch durchgeplante 20 Jahre Zukunftspläne waren die Folge, inklusive vorrausgehender Ausbildung, FSJ und jedem denkbaren Medizinertest. Für jemanden, der seine Tiefkühlpizza lieber noch mit dem einem oder anderen Eiskristall isst, als die vollen 11-13 Minuten Backzeit abzuwarten, ein doch recht langwieriger Plan. Vielleicht war somit voraussehbar, dass ich zwar noch in der selben Woche ganz zielstrebig ein, für meine Wunschausbildung notwendiges Hebammenpraktikum ergatterte, mit dem letzten Schritt aus der Praxis raus allerdings auch schon mit dem Gedanken abgeschlossen hatte.

Mit dem Beenden meines Schülerdaseins wurde die ganze Angelegenheit schon etwas ernster. Immer gehäufter trat die eine Frage auf. Die Entscheidung gleich in die Uni oder doch erstmal Pause war zwar auch bereits zuvor von mir halbwegs entschieden, wurde aber zusätzlich durch mein eigenständiges Hinausmanövrieren meiner selbst aus jeglichen Bewerbungsverfahren durch ein paar verklickte Felder in meiner Uni-Bewerbung verstärkt.

Auf Reisen sorgte mein fehlendes englisch Vokabular (Rettungssanitätsausbildung? Praktikum? Selbstfindungskrise?) dafür, dass ich höllisch aufpasste, berufsnahe Themen zu meiden und mich so verschwindent wenig mit meiner Zukunft befasste.  Einziger zukunftsweisende Schritt, den ich in den 4,5 Monaten tat, war das Ausfüllen (und nicht Abschicken) eines Ausbildungsvertrags. Und hierbei bin selbst ich mir zu 90% sicher, dass alleinig die Tatsache, dass das Unterschreiben mit Bali, den 20. April 2017 was total weltmännisches hatte, hierfür der Hauptansporn war.

Noch am gleichen Tag brachte mich mein lieber guter Freund auf die Idee, doch mal ein Pflegepraktikum zu machen. Unfallchirurgie sei ganz toll.

Knapp einen Monat später sitze ich also bei der Pflegedienstleitung eines Krankenhauses, die mir auf mein erwähntes Interesse für die Gynäkologie hin einen 10 minütigen Vortrag über die verschiedenen gynäkologischen Stationen hält und die ich daraufhin und einer sponatenen Eingebung folgend bitte, mich doch für die Unfallchirurgie einzuteilen.

Einen weiteren Monat später und fast am Ende meines Praktikums bin ich selbst überrascht, dass es weder schreiende, blutende Patienten noch Exkremente und besserwisserische Unsympathen sind, die mich bei konstanter Unsicherheit bezüglich meiner beruflichen Zukunft halten, sondern irgendetwas anderes Undefinierbares.

Also heißt es einen Schritt zurücktreten und auch anderen Berufsideen Platz bieten. Momentan überlege ich, ob der Gedanke, dass ein Umweltschutzstudium ganz gut in mein Birkenstockträger- und ungeschminkter Vegetarierprofil  passen würde, als rechtfertigender Beweggrund ausreicht. Oder ob Kunst-LK und mit beeindruckend vielen Gifs vollgeklatschte erste Computerprojekte im ITG-Unterricht, die meinen Coolheitsfaktor und Ansehen damals in der 7. Klasse für ein paar Tage in berrauschende Höhen katapultierten, genügend Motivation für eine Grafiker-Ausbildung sind.  Mir ist selbst klar, das ist alles nichts Halber und nichts Ganzes. Da bleib ich besser bei der Medizin-Entscheidung, basierend auf 9 Staffeln illegal hochgeladener Youtoube-Videos und der Aussicht auf eine todchice Leder-Unitasche.

Wie ihr seht, ist es noch ein langer Weg bis zu meiner beruflichen Selbstfindung. Ein langer Weg, der angesichts der Unibewerbungsfrist in wenigen Tagen radikal gekürzt wird. Eine Tatsache, die mich kaum unter Druck setzt, habe ich doch im Notfall noch durchaus pasable Erfolgschancen mit diesem geschätzten 10-15 Leser Blog!

„Ach keine Sorgen Lola, jeder Topf findet seinen Deckel“

– Pflegeschüler M. zu meinen Berufüberlegungen, entweder sich dem eigentlichen Gebrauch des Sprichwortes nicht bewusst oder gedanklich bereits beim nächsten Problem.

 

 

 

 

 

 

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5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Anke Borchardt sagt:

    Haha, wieder sehr komisch, auch wenn ich mich gut dran erinnern kann, wie furchtbar das Gefühl war, nach 2 abgebrochenen Studiengängen im BIZ zu sitzen, den Berufkatalog durchzublättern und von A-O nur auszuschließen. Endlich bei P wie Pharmazie konnte ich mich wiederfinden. Kann gut auswendig lernen, klar, arbeitet extrem sorgfältig, was sonst? Ist sehr ordentlich, wenn nicht ich, wer dann? Und natürlich, passt zu meiner Erkenntnis vom Scrups und Greys Anatomy Sehen, muss nicht direkt an den Patienten ran… ein eindeutiger Vorteil, wenn man bereits bei künstlichen Fernsehblut nur mit Kissen vorm Auge hinsehen kann…

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    1. lolalucil sagt:

      Ach anke, dein Kommentar ist immer wieder ein highlight für mich! Und in diesem Fall auch Hoffnungsspender… mich trennen also vlt nur noch drei angefangene Studiengänge von meinem Traumberuf!!

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  2. Borchardt sagt:

    Köstlich sowohl der Blog als auch der Kommentar von Anke.
    Zum Thema kann ich als „alte Frau“ nur sagen: ich hatte damals – manchmal habe ich den Eindruck vor 100 Jahren geboren zu sein – wenig Freiheiten für die Berufswahl. Schon ein Abitur zu machen, wurde von meinen Eltern mit der Bemerkung abgeschmettert, Du heiratest ja doch, also sind vorprogrammiert die beiden K`s – Kinder und Küche. Erst sehr viel später begann meine eigene Emanzipation.
    Die Zeiten haben sich jedenfalls gewaltig verändert und sind aber sicher durchaus nicht leichter geworden.

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    1. lolalucil sagt:

      Ich muss zugeben, da lediglich dein nachname hier auf meinem display erscheint und ich zuerst oft an opa als oft erster Kommentator denke, verwirren mich Äußerungen wie „ich als alte Frau“ oft kurz.
      &ja, wer die wahl hat, hat nach wie vor die qual 😉

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  3. Mein liebes nunmehr größtes enkelKIND,

    diesmal kann ich Dir keine Rat geben, der wahrscheinlich auch gar nicht erwünscht ist. Nur mit Mühe kann ich Deinen Gedankengängen folgen. Entscheidender aber ist, dass mein Weg in den Beruf und die Berufszeit ungemein gradlinig erfolgten und zudem mir immer wieder Glücksfälle die Weiterentwicklung positiv beeiflußten.

    Den Termin meiner Berufswahl kann ich auf den Tag genau rekonstruieren. Es war der Tag in der 10. Klasse, als meine Lehrer meinen Vater überzeugten, dass es schade wäre, wenn ich nicht studiere. Damit war die zweispurige Weiche Drogist/Physiker gestellt. Glücksfall, der erste: Mein Vater hat es mich nie spüren lassen, wie enttäuscht er wohl von dieser Entscheidung war.

    Glücksfall (nun zähle ich nicht mehr) dass ich bis zum Abi meinen Status, mindesten erstes Viertel im Klassenverbund, halten konnte und keinem auffiel, dass Genauigkeit und ausdauerndes Lernen Eigenschaften waren, die Anke nicht von mir geerbt hat.

    Mit Glück und Ellbogen steuerte ich auf den Beruf zu, der für mich gemacht war (nicht umgekehrt). Begonnen mit dem Geschenk eines bezahlten Jobs zur Diplomarbeit bis zum Chef der Strahlenschutzabteilung ohne den Arbeitgeber zu wechseln. Berufliche Höhepunkte, die für mehrere Karriere ausreichen täten. ……

    Liebe Lola, es wird spannend bleiben, wie Du mit soviel Nachdenken über die Zukunft, mit soviel Analytik und Selbstkritik zu einem ähnlich angenehmen Beruf kommst, denn dass Du das schaffst, davon ist Dein Opa überzeugt.

    Noch einmmal: Es bleibt spannend und es ist schön, dass Du uns daran teilhaben läst.
    (Intern – das Kleingedruckte)

    Gefällt 1 Person

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