Noch so’n Ton, Orthopädiestation

Meine Damen und Herren, lehnen Sie sich zurück, stellen sie die Betten in eine, für die Pfleger rückenschonende Höhe und genießen Sie bei einer NaCl-Infusion das heutige Spektakel der Station 26 für Unfallchirurgie und Orthopädie.

05:39 In einer Minute wird mein Wecker klingeln. Was für eine schreckliche Gewissheit. Seit meinem Praktikumsantritt vor zwei Wochen steigt mein Morgenritual mit jedem neuen Rechercheergebnis aus der inTouch unter der Kategorie trotz Kater fit sein und den 10 Tipps um 20 Jahre jünger auszusehen aus der Bild der Frau. Kaltes Wasser ins Gesicht, Wechselduschen, Espresso, die Spotify early bird Playlist, etwas Morgensport und Massage der Augenringe mit gefrorenen Weintrauben.

Übergabe. Pfleger F. erzählt vom Nachtdienst, wer friedlich geschlafen hat und wer auf nächtliche Erkundigungstour durch die Station gegangen ist. Im Hintergrund dudelt Jazzmusik aus dem Kofferradio, welches seit einem zielsicheren Tritt mehr als nur ein empfangssuchendes Störgeräusch von sich gibt. Ob das nun eine Verbesserung oder Verschlechterung der Lage ist, ist bis jetzt noch unklar. Schnell entsteht eine Diskussion über Jazz; entweder man hasst es oder man liebt es. Bis auf Pflegerin B., die mags irgendwie schon, aber nur solange es kein Free Jazz ist und auch nur ab und zu mal so nebenbei. Dann ist die Übergabe aber auch schon vorbei, denn Zitat:

„So Leute jetzt reichts aber, ich brauche meine 3 Stunden Schlaf!“

-Pfleger F.


Arbeitsbeginn. Während der Nachtschicht wurde die Station wohl unbefugt betreten. Man (Ich) munkelt, ein mysteriöser Fremder habe allen Patienten einen Besuch abgestattet und jedem ’nen Fuffi angeboten, der versprach, heute besonders verrückt zu spielen. Die Bereitschaft war wohl groß. Die Dame in der 10 wurde zudem zusätzlich von einem Dämon besessen und äußert nun, nach einwöchigem Schweigen schreiend und mit in den Himmel gerissenen Armen ihr Bedürfnis, schnellstmöglich zu sterben. Zusammen mit wüsten Beschimpfungen und der kompletten Verweigerung gegenüber sämtlichen Schmerzmitteln, kein einfacher Fall.

Ihre Zimmernachbarin schaut währenddessen bei der Verkündigung, dass ihr Krankentransport sie eine halbe Stunde früher abholt, einer Existenzkrise entgegen. Wie stellen sie sich das vor, ich hab doch noch nicht meine Socken an!? Ihr seht, der Krankenhausalltag hält tagtäglich unüberwindbar scheinende, medizinisch anspruchsvolle Aufgaben für mich parat.

Zwei Zimmer weiter ist währenddessen, wie ich beim Vorbeigehen erfahre, ein Gespräch über eine erbittete Verlegung im Gange. Ein weiterer Patient fühlt sich heute wohl nicht ganz wohl mit unserem Fachpersonal, wozu wahrscheinlich auch ich meine Mitschuld beitrage. Denn ich nehme an, dass auch meine Ignoranz gegenüber seinen Fragen mit stark rassistischem Inhalt zu dem, ihm negativ aufgefallenen Verhalten ihm gegenüber gehört. Immerhin findet sich zu seinem Glück eine Schnittstelle zwischen seiner Bitte und unseren Interessen. Seine letzte Frage, ob es denn  auf der Station 28 auch hübsche Damen gäbe, kann ich ihm hingegen leider nicht beantworten.

Nach dem größten Teil unserer morgentlichen Waschrunde auf dem Weg zum Pausenraum, höre ich schon die nächste erboste Stimme eines Patienten. Lassen sie das! Schwester Lola wäscht mir gleich die Füße! Die macht das!                                          Ja, die macht das richtig gerne.

Unerwartet rettet mich dann allerdings der Kaffee, den mir die mitleidig schauende Schwesterschülerin M. zuschiebt, in eine kleine Verschnaufspause. Gerade eine Sekunde hingesetzt, beim Auftönen der Patientenklingel aufspringend, ergießt er sich nämlich über meine komplette Uniform und täuscht damit erfolgreich darüber hinweg, dass die eigentlich eh nicht mehr wirklich frisch genug war. Zudem wagt es keiner mich mit den ominösen Flecken auf meiner Kleidung, über dessen Ursprung ich sicherheitshalber nichts äußere, auf meinem Weg zur Wäscherei aufzuhalten.

In der Personalwäscheabteilung schaffen es dann doch tatsächlich die zwei Mitarbeiter dort meinen Tag wenigstens für eine kurze Zeitspanne aufzuwerten, schätzen sie meine Kleidergröße beide ganz überzeugt mehr als großzügig auf eine 34 und geben mir sogar die guten Hosen mit Gummibund. Da wir in der Stationsküche jetzt sogar echte/s Nutella haben und es trotzdem bis jetzt ohne eine sagt ihr eigentlich die oder das Nutella?-Diskussion überstanden haben, ist zur Frühstückszeit die gesamte Belegschaft nun etwas entspannter.

Schon allein aus Tradition und damit wie immer klingelt, sobald ich das erste mal in mein Brötchen gebissen habe, mich sonst wer in sein Zimmer, um auf irgendwelche Weise mehr oder weniger Verdautes loszuwerden. Frühstücken irgendwo zwischen Spuckbeutel hinhalten und Bettpfannen reinigen. Ganz allgemein hat die Klingelfrequenz inzwischen eine Intensität erreicht, bei der ab und zu die Frage aufkommt, ist das jetzt die Klingel oder doch nur mein Tinitus? 

Ansonsten läuft das Krankenhausleben so vor sich hin. Die Vietnamesin erhält weiterhin nebenbei Sprachunterricht auf stark berlinerisch. Ich komme weiterhin ganz gut mit allem klar. Weiterhin kann ich mir den Code für die Rohrpost nicht merken und laufe stattdessen hin und her übers Gelände. Und weiterhin beende ich den Eintrag mit einem schmissigen, leicht selbstverliebten Patientenzitat.

„Sie sind ja unbezahlbar für die Station!“

– Frau H.

(Ich schätze unbezahlt war das Wort, das sie suchte)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Kannst sicher sein, sie meinte UNBEZAHLBAR.

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  2. Anke Borchardt sagt:

    Krankenhaussoap am frühen Morgen, herrlich! Sehr gelacht! Hast du auch sonntags Dienst? Falls nicht, einen guten, falls ja, ganz uneigennützig, ein offenes Auge für die nächsten komischen Situationen! Und natürlich gutes Durchhalten

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    1. lolalucil sagt:

      Ich muss heute tatsächlich nicht ins Krankenhaus/Soapdrehstudio darf aber dafür anderswo arbeiten, insofern weder noch!:)

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  3. Großartig! Hast mich wieder zum Lachen gebracht. 😃 Ich bin froh, dass du trotz (zeitweiligem) Reiseschluss noch weiter schreibst!

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