Zwischen Krankenhaus-Slang und Desinfektionsmittel

Auch als Mensch, der prinzipiell nur zu kleine Hosen besitzt und damit das Muffintop regelmäßig in seine Outfits integriert, darf ich an meinem ersten Praktikumstag aufs Neue, in die 38er Hose gesteckt und mit leichtem Taubheitsgefühl hüftabwärts, das Wertschätzen einer passenden Hose lernen. Die soliden 10 cm fehlende Hosenbeinlänge hingegen kann ich mit einem entsprechend selbstsicheren Gang und mit dem aufkommenden Hochwasser-Trend rechtfertigen und somit guten Gewissens als stylisch klassifizieren. Oder um eine der Krankenpflergerinnen zu zitieren:

„Dit Blöde an den langen Benchen is, dit die Hosenbene zu kurz sind, aber wenigstens kommste an die Medikamente oben im Schrank ran!“

-Schwester C.

Noch bevor der Satz verhallt ist dazu bestimmt worden, von nun an für die regelmäßige Sortierung der Medikamenten-Vorräte verantwortlich zu sein; eine Tätigkeit, der im Team anscheinend nicht viel Begeisterung zu Teil kommt, hege ich noch vereinzelte Zweifel an dem Nutzen daran für mich.


Von meinen neuen Kollegen hingegen bin ich von Anfang an größten Teils ganz angetan, ganz hingegen der mir zuvor zugesteckten Schreckens-Erfahrungsberichten ehemaliger Mitarbeiter der Station. Ein Relikt aus den weniger entspannten Zeiten ist ein Zettel, der mir schon in meinen ersten Minuten im Aufenthaltsraum ins Auge fällt und mir einen kalten Schauer über den Rücken laufen lässt. In X Factor das Unfassbare Rückblenden-Manier erinnert er an das dunkle Jahr 2015, in welchem 4 Praktikanten sich wegen der unfreundlichen Kollegen auf eine andere Station versetzen ließen.

Viele ruhige Momente auf der vergleichsweise kleinen Station laden dazu ein, auch die angehängten Bitten und Hinweise zu studieren.

  • „Wir lassen unseren Arbeitsstress nicht an unseren Praktikanten aus!“ 
  • „Schwester C. bekommt keine Praktikanten mehr!“

Nachdem nach Kurzem sämtliche Aushänge studiert worden und die aufkeimende Langeweile sich spürbar ausbreitet, springe ich begeistert auf, als man mich ruft. „Lola du kannst jetzt mal mit der Schwester C. mitgehen.“ Spontaner Angstschweiß.

Doch auch Schwester C. Stellt sich als weit weniger bösartig heraus, als besagter Zettel vermuten lässt, und das einzige Blut, das am Ende läuft ist das des Patienten; und zwar ganz ordnungsgemäß durch die frischgelegte Braunüle.

So oder so komme ich relativ schnell in den Pflege-Alltag herein. Manche Dinge und Informationen sind schnell gelernt und verinnerlicht (vorm Blutdruck-Manschette aufpumpen das Rädchen zu drehen; Zimmer von 4-MRGN Patienten darf ich nicht betreten; die Nuss-Nougat-Creme vom Frühstück schmeckt nicht so gut), andere hingegen brauchen ihre Zeit mir übermittelt zu werden und zu mir hindurchzudringen (Ach, die Desinfektionstücher die du da benutzt sind übrigens krebserregend, die Dame aus der Nummer 7 ist nicht ignorant oder desinteressiert an mir sondern dement).

Dennoch führen frühe Arbeitszeiten und einigen Aufgaben, die ich zwar bereit bin ganz professionell auszuführen, per se allerding lieber bei entsprechendem Gehalt, dass mich regelmäßig nur vertraglich festgelegte Kündigungsfrist und eine Weisheit bei Stange halten, die meine Mama mir aufmunternt mit auf den Weg gab.

„Ich kann mir vorstellen, dass so eine lächelnde Praktikantin dem einen oder anderen Patienten schon gut tun kann.“

– Mama (mehr oder weniger richtig zitiert)

Eine Theorie, die ich trotzdem hin und wieder anzuzweifeln wage, wenn der Herr aus der 5 mich zum wiederholten Mal wortlos und per Fingerzeig herumdirigiert. Eine Theorie, die ich bestätigt sehe, als die größten Teils bettlägrige Dame aus der 9, mit frisch gewaschenem Haar und Lockenwiklern (ein paar Extrawünsche, die beim geübten Pflegepersonal wahrscheinlich zu Recht nicht willkommen sind) von einem ganz neuen Lebensgefühl schwärmt und über glücklich scheint, ihre Dauerwelle endlich wieder friseurecht gepflegt zu haben.

Vorallem das frühe Aufstehen scheint mich jedoch mehr zu brandmarken ,als mir eigentlich lieb wäre, zu dem ich bis dato gehofft hatte, eine recht motivierte Ausstrahlung zu haben. Eine Hoffnung, die mir der Oberarzt schonungslos nimmt. Auf die Aussage Schwester V.’s hin, dass ich heute mit den riesigen Augenringen und allem ja aussähe wie der Durchschnittsbesucher nach einer Nacht im Berghain, stellt er nur nüchtern mit einem Seitenblick auf mich fest: „Na die sieht doch immer so aus!“


Ein weiterer Meilenstein auf meinem Praktikumsweg ist das Lernen des Einschätzens meiner Kollegen. Wen fragt man am besten nach dem Schlüssel zum Aufenthaltsraum, wen fragt man am besten nach Rat und wen nach Hilfe bei den richtig unangenehmen Sachen? Für letzteres hat sich schnell, wenn auch wohl unfreiwillig, die vietnamesische Krankenpflegehelferin Li*(!) qualifiziert. Im Gegenzug helfe ich ihr regelmäßig bei ihren vokabularischen Lücken. Trotz ihrer, meiner Meinung nach faszinierenden Sprachkenntnisse, für eine recht kurze Lernzeit, hapert es dann vor allem hin und wieder beim Slang. So unterbrechen wir die Übergabe zum Beispiel notgedrungen für ein paar Minuten als Li, im Glaube über einen, ihr unbekannten, medizinischen Fachbegriff gestolpert zu sein, gerne wissen will was „was’n dit für ne Scheiße“ heißt. Nachdem sie es augenscheinlich schon wagt nicht Li zu heißen, widerspricht sie auch glatt noch einem weiterem Klischee, indem sie das Peace-Sign nicht kennt und nach einer Erläuterung fragt. Des Weiteren trägt sie keinen Selfiestick mit sich.

* Nachdem sie mir unter dem Namen vorgestellt wurde und ich sie dementsprechend ansprach, viel mir gegen Dienstende erstmals ihr Namensschild auf, nach welchem ihr Name weit länger, weniger chinesisch und weniger stereotyp ist. Der Grund, weshalb sie auf der Ganzen Station „Li“ ist, ist mir nicht geläufig und ich dementsprechend unsicher ob er simplifizierende oder leicht rassistische Ursprünge hat.

Als Abschluss für heute noch ein kleines Patientenzitat:

„Listen… You seem like a nice person, don’t let them change that.“

– Herr W. kurz vor seiner Entlassung zu mir

Ich werd es versuchen Herr W., ich werd es versuchen…

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5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Andrea sagt:

    Das war wieder ein guter Lacher am späten Abend, obwohl meine Lieblingsgeschichte (die mit dem Waschen) fehlt. Weiter so. Und das die ältere Dame ihre Lockenwickler rein bekommen hat, erfüllt mein Herz mit Freude und Stolz auf meine tolle Tochter.

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  2. Leah sagt:

    Der Herr W hat wohl recht. Ich kann ihm nur zustimmen. Vor allem sollst du dabei bleiben so tolle Artikel zu schreiben und mir somit ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.
    P.S.: Bin jetzt wieder auf dem neusten Stand und bleibe dabei gespannt auf mehr!
    Liebe an Dich

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    1. lolalucil sagt:

      Alles für ein lächeln von meinem einhorn!!!!

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  3. Ich hatte, schnell auf Holz klopfen, kaum Krankenhauserfahrungen. Und obwohl ich immer als sehr fordernd und egoistisch eingestuft werde, meine ich, (fast) immer ein dankbarer Patienet gewese zu sein. Nun sehe und lese ich mit großem Interesse die andere Seite. Es bestetigt sich mir, dass der Pflegeberuf ein recht hartes Brot ist, das noch nicht einal mit wohchmeckendem Nutella Ersatz versüßt wird.
    Liebe Enkeltochter, ich bewundere Deine Einsatzfreude und dass Du dabei Deinen Humor behältst ist super. Ich habe großen Respekt und bin stolz auf meine Kleine Große. Ich denke, ich hätte Dich gern um mein Krankenbett gehabt. (Korrektur: Hatte ich ja, Stichwort: Kleingedrucktes).
    Ich wünsche Dir viel Freude an Deiner so wichtigen Tätigkeit. Ich bin sicher, dass die Erfahrungen, die derzeit sammelst, in den zu lösenden Aufgaben aber auch im Zusammenleben mit allen Menschen auf die Du triffst, unbezahlbar sind.
    Wunder Dich nicht, wenn ich nach Abi-Rose und Käsestulle Dich mit einem Nutellabrot abhole. Wann hast Du Feierabend?
    Opa Dieter

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    1. lolalucil sagt:

      Hahah sehr schön gesagt!

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