Kreuzchen und Kästchen

Nachdem Berlin mir den Übergang nach Deutschland erstaunlich leicht gemacht hat (satte 30 Grad; Bahnen, die so voll sind, dass eine anschließende Sagrotan-Dusche alles ist, was mein Herz begehrt; hässliche kleine Deuter/Osprey Rucksäcke überall) stehe ich wieder mit beiden Beinen im deutschen Leben, esse morgens meine Käsestulle, bin zu jeder Verabredung 20 Minuten zu früh und werde auch sonst den deutschen Klischees gerecht.

 


Doch ein alter Freund aus Reisetagen ist mir geblieben: Der Nervenzusammenbruch. Vor wenigen Wochen noch auf Grund spannender Fragen wie werde ich diese nächtliche Vulkanwanderung überleben und wie lange wird meine Gesundheit wohl mit diesem, wahrscheinlich seit Tagen an diesem Straßenstand vor sich hindüppelnden, Essen zu kämpfen haben, beruht er sich nun mehr auf Zukunft, Studium, Lebenssinn und ähnliche Banalitäten.

Du merkst, dass du im maximalen Studienplatz-Stress steckst, wenn die Worte keine Ortspräferenz dein endorphintechnisches Wochenhighlight sind. Doch nicht nur abgeschlossene Uni-Bewerbungen sind momentan der Traum meiner schlaflosen Nächte, nein die to do Liste hat noch eine ganze Menge anderer Spaßmacher auf Lager. Gut, einige Sachen trage ich erst im Nachhinein hinzu um sie im gleichen Augenblick als erledigt zu markieren, da das Gefühl, heute mal so richtig produktiv gewesen zu sein doch erst so richitg mit dem kleinen Kreuzchen im Kästchen einsetzt.

Die Dauergäste

Während einige Punkte nach einem kurzem inneren Monolog à la okay Lola du bist jetzt schon 18. Du kannst jetzt schon allein beim Arzt anrufen in einigen Minuten vom Tisch sind, sind andere Punkte stoische Konstanten in meiner IOS-Erinnerungs-App. Darunter natürlich der Klassiker und so verhasste Punkt Koffer auspacken (ich habe Memes diesbezüglich im Internet gesehen, ich weiß dass ich hier nicht die einzige bin!). Dass sich die vollen Umzugskartons nach wie vor in meinem Zimmer stapeln, kann mich auch gar nicht beeindrucken. Ich habe die letzten viereinhalb Monate mit nur einer handvoll Klamotten durchgestanden. Was spricht also dagegen auch die nächsten 4 Monate nur mit dem durchzustehen, was ich in einer ersten abenteuerlichen Aktion inklusive Taschenlampe und ein paar kunstvollen Verrenkungen wahllos unter der Kellertreppe aus sich anbietenden Kartons gezogen habe.

Die Unvermeidbaren 

Unvermeidlicher Weise nach so langer Zeit unterwegs, einem Faible für 500 Fotos pro Tag und „nur“ 64 GB iPhone-Speicher, stehe ich nach meiner Ankunft in Berlin auch wieder meinem natürlichen Erzfeind gegenüber. Knapp 9.000 Fotos inzwischen warten gierig darauf, einen der heiß begehrten aus den Augen – aus dem Sinn Plätze auf meinem Laptop zu bekommen, während die Speicherfülle keine einzige Whatsapp-Nachricht mehr zulässt. Wie jedes mal fängt wieder das große Grübeln an. Wie ging das nochmal?/ ging das überhaupt?/sind die Bilder wirklich so gut, dass sie den Stress wert sind?/ Strg+A + löschen ist ja schließlich auch ’ne Möglichkeit. Die Endlösung für Leute ohne Mac hieß im Endeffekt Freunde mit Mac und zusätzlich überdurchschnittlicher Geduld haben.

Die von denen du weißt, dass du dich selbst drüber freust wenn sie erledigt sind

Nach dem passiv-aggressiven Unterton gegenüber apple und seinem Betriebssystem nun mal ein lobendes Wort: Euer vorgefertigtes Layout für Lebensläufe scheint überzeugend zu sein. Zumindest erhielt ich vor kurzem nach einer Bewerbungs-Mail die überaus  freundliche Antwort, man würde mir gerne einen Praktikumsplatz anbieten, ich müsse lediglich sagen was für eins, wann und wofür. Da anscheinend An- und Motivationsschreiben inklusive Namen und grundlegenden Informationen nicht mit übermittelt wurden und die Personalabteilung lediglich eine E-Mail mit dem Betreff „Bewerbung“ und angehängtem Lebenslauf erhielt, kann die vorläufige Zusage nur an eurem Layout liegen. Überzeugende und für den Mediziner-Beruf relevante, eingetragene Fakten wie erfolgreicher Grundschulabschluss im Jahr 2009, Joberfahrungen als Putzfrau und Babysitterin und 4 tägiges soziales Praktikum bei den Bodelschwingschen Stiftungen werden ihr restliches getan haben. Auch in den letzten Monaten ist die Liste an Bewerbungs-Chancen steigernden Punkten in meinem Lebenslauf nicht gerade in einen Bereich katapultiert worden, bei dem sich potenzielle Arbeitgeber alle 10 Finger nach mir lecken.

„Also ich wasch mir die Hände lieber.“

– Barbara Blocksberg (Bibi Blocksberg und die verhexte Hitparade)

(An dieser Stelle konnt ich mir dieses Zitat leider nicht verkneifen, von dem ich sicher bin, dass es 1. nur mir etwas sagt und auch 2. einzig und allein zu meiner eigenen Erheiterung beiträgt. Da 50% meiner Blog-Aufrufe eh ich selbst bin, geht das aber klar.)

Während ich irgendwo in einem Hostel ohne Elektrizität in den Philippinen vielleicht noch mit Punkten wie kann blind aus ihrem Backpack jedes gewünschte Kleidungsstück an Hand 20 minimal voneinander abweichender Textilien heraussuchen und kennt alle Minimarkt-Barbecue-Chips-Preise aus 7 asiatischen Ländern im Vergleich auswendig Eindruck schinden kann, machen sie sich unter Qualifikationen im Lebenslauf wahrscheinlich weniger gut. Trotzdem, und auch hier kann man den Erfolg meiner extrem charmanten Telefon-Stimme oder doch dem Lebenslauf-Layout anrechnen, habe ich einige Tage und ein Bewerbungsgespräch später meine Pflegepraktikums-Zusage in den Händen.

Die ganz Schmerzenden

Das Hochschul-Bewerbungsverfahren für das Studienfach Medizin mag auf den ersten Blick komplex wirken. Aber der Schein trügt. Bei näherer Betrachtung und tagtäglich kommen gut und gerne ein bis zwei dir bis dato unbekannte Faktoren und Regeln hinzu, die deine Studienortwahl quasi unmöglich machen, dich an einer erfolgreichen Zukunft mal so ganz im Allgemeinen zweifeln lassen und das Bewerbungsverfahren nervenzerrungs technisch gleich mit dem Versuch setzt, am Ostersonntag im strenggläubigen Palawan eine Fähre zum rechtzeitigen Erreichen deines überteuerten Fluges in wenigen Stunden zu finden. Die vermeintliche Schwierigkeit, sich für ganze 6 mögliche Wunschstudienorte zu entscheiden ist immerhin dadurch vereinfacht, dass

  1. Stabile 70% dank der verpflichtenden ersten Ortspräferenz wegfallen und
  2. Zwei Jahre mehr oder weniger motiviertes Lernen dann überraschender Weise doch nicht für 1,0 +/- ein paar Zehntelnoten gereicht haben; sprich meine Chancen bei den meisten Orten nicht existent sind.

Dennoch bin ich mit der Wahl zwischen 3 Standorten, bei denen ich wenigstens den Hauch einer Chance hätte vollkommen ausgelastet. Diesbezügliche Wochenendbesuche in Orten von Interesse, dortige Impressionen und persönliche Bewertung dieser lasse ich hier aus. Die platonische Paarungssuche in der hoffentlich zukünftigen Heimat muss man schließlich nicht zusätzlich mit ein paar kritischen Kommentaren über Stadt XY und seine Landsleute erschweren.


Inzwischen hab ich auch tatsächlich meine Bewerbung abgeschickt, einer spontanen Eingebung beim Kochen folgend, die spontanes los zum Briefkasten in Pyjama und Gartenschlappen Rennen und währenddessen angebranntes Essen auf der Herdplatte mit sich zog. Jetzt bleibt nur noch zu hoffen übrig, dass ich mich nicht selbst (wie zu den letzten beiden Semestern…) mit einem Denkfehler und einem falsch ausgefülltem Feld aus jeglichen Chancen bietenden Auswahlverfahren katapultiert habe.

Die dann doch nicht so relevanten

Ganz typische Beispiele: Im Reis-Koma und Nasi Goreng-Frust der Liste hinzugefügte Dinge wie eine dreistöckige Karottentorte backen und ähnliches. Auf jeden Fall nach wie vor verlockend, nur die Verzeweiflung ist nicht groß genug um die kühnen Backpläne in die Realität umzusetzen. Das Vorhaben, einen Film über meine Reise zusammenzustellen hingegen habe ich dann fallen gelassen, als ich nach drei Tagen mit gutefrage.net- und Apple-Foren-Nutzern als quasi einzigen sozialen Kontakt über meiner iClouds-Fotogalerie verbracht hatte und diese partout nicht mehr sehen konnte. Schade um das Kreuzchen auf der Liste.

 

 

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4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Andrea sagt:

    Hahahaha….. Sehr gut….. Es geht auch in Berlin weiter…. Wie schön!

    Was sind Bodelschwingschen Stiftungen?

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    1. lolalucil sagt:

      Soziale stiftungen in bethel.. religionsfahrt

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  2. Anke sagt:

    Auch hahahaha, Lola, du sprichst mir aus der Seele, ich schummel auch gerne im Nachhinein ein paar schon erledigte Dinge zum Abstreichen auf eine meiner zahllosen Listen. Zahllos, da die meisten Listen nach ihrer Entstehung auf mysteriöse Weise verschwinden (oder ich meine eigene Sauklaue nicht mehr entziffern kann…oder will…?).
    Was das Backen angeht (warum nur Karottentorte…?) hat die Entdeckung des Angebotes beim Bäcker, bereits in Schichten geteilter, nicht verbrannter Biscuitböden käuflich erwerben zu können, mich zu Höchstformen getrieben und ich habe Friedas Wunsch einer Erdbeermarzipantorte zum Geburtstag nachkommen können, ohne wie Rumpelstilzchen durchs Haus zu toben! Wir nagen heute noch dran (wenn man nicht den halben, verbrannten Teil entsorgen und man dank nicht-klumpender-Instantgelatine die komplette Sahne benutzen muss, äh darf, ist so ne Torte ganz schön ergiebig…)
    Jetzt noch schnell abhaken:
    Lolas Blog komentieren x
    und auf zu neuen Taten
    alles Liebe
    Anke

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    1. lolalucil sagt:

      Hahahah na dann bin ja froh, dass ich nicht die einzige bin Listen-Verwandte! Ganz liebe Grüße an euch alle!!

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