Wenn wir anfangen zu lächeln

Legazpi, irgendwann in der Nacht.

Ich bin totmüde, ich habe eine 15 Stunden Fahrt hinter mir. Ich habe Hunger. Eigentlich ist alles doof. Ich fühle mich fremd und winzig klein, irgendwo hier in diesem kleinen Städtchen abgelegen von den Touristenhotspots der Philippinen. Ich vermisse meine Familie; In dem Film, der im Bus gezeigt wurde, wurde die Familie der einsamen Heldin mal wieder, einer nach dem anderen, in einem bluigem Gemetzel vernichtet. Einsamkeit bricht über mir ein.

Und dann komme ich im Hostel an. Obwohl die 2 Uhr Nachts Schicht bestimmt nicht grad mit Beliebtheit glänzt, der Angestellte sicherlich für einen erschreckend geringen Lohn seit Stunden an der Rezeption sitzt, auf Nachzügler wie mich wartend, springt er bei meinem Anblick mit einem dermaßen euphorischem Gesichtsausdruck auf und begrüßt mich wie ein lang vermisstes Familienmitglied.

Das ist der Moment, in dem sämtliche Schalter in meinem Gehirn umgestellt werden. Ja, ich bin allein und total fertig, aber was solls? Es könnte mir nicht besser gehen.

Jakarta, im Supermarkt

Während ich an der Supermarktschlang anstehe spricht mich ein junger Indonesier an. Nur um mal zu fragen was ich kaufe. Meine erster Gedanke boah ne was will der denn von mir. Typisch Berlinerin. Wenn dich in Berlin Jemand fremdes im Supermarkt anspricht, dann wahrscheinlich um sich über deinen im Gang stehenden Einkaufswagen zu beschweren. Insofern kann ich meine Verwirrtheit zu mindest teilweise entschuldigen. Wir unterhalten uns dann noch ein bisschen und er landet auf meiner Liste der Leute, die meinen Tag zu etwas Besserem gemacht haben.

Koh Phangan, Fullmoonparty

Nach einer einmaligen (beziehungsweise alle paar Wochenmaligen) Party am Strand verabschiede ich mich von ein paar Franzosen, die ich hier kennengelernt habe. Nachdem wir uns eine ganze Weile über alles mögliche unterhalten haben verabschiedet sich einer mit den Worten Es war schön dich kennengelernt zu haben, du bist ein toller Mensch. Äh okay? Verwirrung meienrseits. Und schon ist der Gute als Freak abgestempelt.

Coron, Ankuft mit der Fähre

Drei Tage haben es bis jetzt in drei Monaten in meinem Reisetagebuch geschafft mit der Note Scheiße bewertet zu werden: Mein Geburtstag vernab von Jedem, der mir etwas bedeutet; Der Tag, an dem ich das thailändische Krankenhaus kennenlernen durfte und eben dieser Tag in Palawan. Ja, ich musste um 4 Uhr aufstehen, um diese Fähre nehmen zu können. Ja, ich habe einen Preis bezahlt, der doppelt so hoch ist wie der Regulärpreis. Ja, ich habe seit Tagen kein Duschraum von Innen gesehen. Ja, ich habe kein Hostel und keine Ahnung wohin jetzt. Ja, 15 Kilo Rucksack und 35 Grad drücken auf mich nieder. Ja, ich habe Angst davor meinen Flug übermorgen von Manila aus zu verpassen, weil ich keinen Plan habe wie ich dort hinkommen soll. Trotzdem rechtfertigt wohl nichts davon den schlechtgelaunten bis hasserfüllten Blick, den ich Jedem mir Entgegenkommenden zuwerfen. Ich schäme mich selbst dafür. Eine Horde Kinder auf dem Rücksitz eines Motorrads fährt winkend und freudestrahlend an mir vorbei, und ich hasse mich selbst dafür, wie ich sie böse angucke. Die Kinder gucken ganz erschrocken und ich schäme mich noch mehr, kann es aber auch nicht lassen.

Ein paar, auf ein Highfive vorbeikommende, Kinder in Moalboal

Berlin, wenige Tage vor der Abreise

Thailand ist das Land des Lächelns. Thailänder werden dich mehr mögen, wenn du sie freundlich anlächelst lese ich meinen Eltern die Infobrochüre meiner Freiwilligenarbeits-Organisation vor und wir machen uns über deren Banalität lustig. Ist ja schließlich klar.

Aber warum überrascht mich, und sicher bin ich da nicht die einzige, dann wenn mich jemand Fremdes anlächelt, mir ein Konpliment macht oder sich einfach was unterhalten möchte?

Wenn wir lächeln bewegen wir eine ganze Menge Muskeln, ich könnte jetzt recherchieren wie viele genau und euch damit verblüffen und so, aber die Sache ist, darauf kommt es im Endeffekt gar nicht an.  Ein Lächeln macht nämlich so viel mehr, als nur schnöde Muskeln zu bewegen. Sogar mehr als einfach nur freundlich rüberzukommen. In einem Lächeln kann so unglaublich viel stecken. Wie oft auf meiner Reise ein einziges, ehrliches Lächeln mein Tag so dermaßen aufgewertet hat. Und wie oft ich meiner Mutter schon total niedergeschlagene Nachrichten geschickt habe, weil ich mich so schrecklich unwillkommen und einsam gefühlt habe. Und das nicht, weil sich jemand extrem unfreundlich mir gegenüber verhalten hat. Nicht, weil mal wieder eine Gruppe Asiaten sich über mich einen abkichert. Nicht, nachdem ich in Jedem Hostel mit den Worten fully booked abgewiesen wurde. Nein. Es ist die Filippina, die mir im Jeepny gegenübersitzt und nicht aufhört mich böse und verachtend anzuschauen. Die Gruppe Reisender im Hostel, die mich nicht beachtend, zusammensitzt. Die Verkäuferin im Supermarkt, die mehr als genervt über meine Fragen nach irgendwelchen Produkten ist. Ich weiß, die Wahrscheinlichkeit, dass irgendjemand der oben genannten etwas gegen mich hat oder mich ernsthaft verachtet, ist mehr als gering (mal abgesehen von der Filippina, der muss ich echt irgendwie auf die Füße getreten sein, hier wurde mir im Gespräch mit einem Einheimischen erklärt, dass sie wahrscheinlich generell neidisch auf mich als Europäerin ist). Oft sind wir einfach so in unserem Trott der Gewohnheit. Und es ist mehr als schade, dass dieser in unserer Gesellschaft nicht beinhalten, anderen mal ein Lächeln zu schenken. Eigentlich verrückt wenn man es mal bedenkt. Ich muss zugeben, ich bin selber im Durchschnitt sicher kein Musterbeispiel für das, was ich hier so gutmenschensmäßig predige. Teilweise bin ich ernsthaft geradezu zu schüchtern um nett zu sein. Noch verrückter. Aber was wird der da drüben denken, wenn ich jetzt einfach mal lächele? Und wenn ich der da vorne mit dem schönen Kleid mal sage, wie toll ihr Kleid ist? Denken die dann ich will was von ihnen oder bin einfach nur was blöd? Vielleicht. Eine Gesellschaft, in der Freundlichkeit so außergewöhnlich geworden ist, dass sie als Flirten verstanden wird. 

Gestern war ich so gut gelaunt, dass ich einfach automatisch lächelnd durch die großen Straßen Jakartas gelaufen bin. Die Reaktionen dementsprechend; Selten habe ich so viele Konplimente, liebe Worte oder auch einfach einen freundlichen Blick von vollkommen fremden Passanten, Supermarktangestellten und Hostelgenossen bekommen.

Versteht mich nicht falsch, manchmal gehts einem einfach doof. Während ich diesen Text schreibe, im wackelnden und sehr viel Übelkeit hervorrufenden Zug nach Yogyakarta, hungrig und müde, hatte ich selbst einen Stimmungszusammenbruch, während dem es mir unmöglich erschien auch nur annähernd zu Lächeln. Keines wegs kann man immer Lächeln. Aber im Endeffekt geht es einem dann ja doch meistens gut, und ich rede hier eher von den Momenten, in denen wir, ganz ohne auf unsere Mimik zu achten durch die Welt laufen und in denen wir den entscheidenden Schritt machen können, einen winzigen Schritt um uns selbst und unseren Mitmenschen den Tag zu versüßen: Heute mal ein Lächeln.

Ich mach mal den Anfang, jetzt ihr

 

Denn am Ende sind wir alle nur Menschen und Zusammenhalt fängt ganz klein an.

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7 Kommentare Gib deinen ab

  1. tim sagt:

    Schau an, ein Philosoph 😀
    Dann haben wir ja bald ein dauerlächelndes kind zurück 😀😀😀

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    1. lolalucil sagt:

      Hab den Artikel extra mit einem Lächel-Schlupfloch bedacht! 😉 solang ihr genug käse kauft werde ich aber mein bestes geben

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  2. Andrea sagt:

    Was habe ich für eine schlaue Tochter! Heute mal kein Kichern beim Lesen, aber Pipi im Augen vor Rührung….ok, ok….später werde ich meiner irren Sitznachbarin im Flugzeug, die MEHR als die Hälfte unser gemeinsames Armlehne benutzt, (vielleicht) ein Lächeln schenken.

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    1. lolalucil sagt:

      Hahahahahah, ich lieb dich so!

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  3. Dieter Borchardt sagt:

    Ich hatte mal gelernt, dass Asiaten eigentlich immer lächeln und ihr Gesichtsausdruck undurchdringlich ist. Nun hat mich Deine philosophische Abhandlung eines besseren belehrt. Das kann man scheinbar beeinflussen, im Sinne von wie es in den Wald hinein lächelt, so…..

    Und dann fällt mir auf, dass es richtig und wichtig ist, nach dem Abi eine Weltreise zu machen, die quasi die verlängerte Schule ist. So gewinnt der Spruch: Non scuola set vitam discimus – natürlich eine ganz andere Bedeutung. Will sagen, es scheint eine gute Zeit und Geld Investition zu sein, Deine Reise.

    Gut ist es auch, dass Du gerade immer noch die Kurve zu kriegen, eine Bemerkung einzufügen, aus der ich, wenn auch mit einiger Anstrengung entnehmen kann (und wohl auch soll), dass Du weder verhungerst, aus Müdigkeit zusammenbrichst oder an Infektionskrankheiten dahin siechst.

    Beim Überlesen meines Geschreibsels merke ich, dass einige Sätze wohl sehr… Naja sind. Es liegt mit daran, dass 7 meiner Familienmitglieder versuchen Freddys neuestes Rätselspiel zu bedienen. Deshalb fasse ich noch einmal zusammen:

    ICH BIN STOLZ AUF DICH

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  4. Borchardt sagt:

    Ja, die Sache mit dem Lächeln ist so eine tolle Sache. Das kenne ich von mir auch, dass man damit richtig Erfolg hat. Aber leider so einfach ist das nicht. Dieses Konzept klappt halt nicht immer, aber was soll`s. Das Leben bietet immer wieder einen neuen Versuch und das ist gut und tröstlich.
    Lieben Gruß von Deiner Oma

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