Die Reise geht weiter, und das nicht ohne – Teil 2

Gerade mal 30 Minuten sind vergangen, seitdem ich meinen letzten Blogeintrag fertiggestellt hat. Und schon finde ich mich wieder in einer dermaßen absurden Situation wieder, dass es mir nur so in den Fingern juckt darüber zu schreiben.
Was bisher geschah: Lola hatte den verwegenen Plan ihr nächstes Ziel, welches sich problemlos in einer Flugstunde erreichen lässt, dem Geld und auch dem Abenteuer zu liebe per Land beziehungsweise Wasser zu erreichen. Panische Angst davor habend, die Anschlussfähre zu verpassen rannte sie in Masbate zum Ticketoffice.

Mit einer unglaublichen Ruhe und Gelassenheit, die ich dann im Nachhinein auch nachvollziehen kann als ich mitbekomme, dass die Fähre eine Stunde später abfährt als ich dachte, zählt die Kassiererin das Wechselgeld. Noch zwei bis drei mal Nachzählen später halte ich mein Ticket in den Händen. Der von mir aufgestellte Rekord an sich selbst zugeflüsterten Mantras, in diesem Fall „Bitte bitte bitte lasst mich nicht auf dieser Kackinsel zurück“ hat sich anscheinend gelohnt. Der Kontrolleur sagt irgendwas zu mir was ich nicht ganz verstehe, aber da es mit einem Lächeln und einem Kompliment begleitet ist, ist es wieder so weit: Ich bin Wachs in den Händen der Philippinen.

Der Hafen von Masbate

Auf der Fähre bietet sich mir dann ein Bild, nach dem du in Deutschland und wahrscheinlich auch sonst wo vergeblich suchen könntest. Die Asiaten. Sie haben es mal wieder geschafft auf einem Verkehrsmittel auf Teufel komm raus und mit möglichst wenig Aufwand für möglichst viele Passagiere Platz zu schaffen. Das, wohl gemerkt zu den Seiten hin komplett offene Deck ist im Flüchtlingsheim-Stil flächendeckend mit Stockbetten befüllt. Bei dem Zusammenschweißen eines solchen war ich übrigens bei meiner Wartezeit in Pilar Zeuge geworden, wie mir nun beim Anblick klar wird. Beim Zusehen hatte ich mich noch darüber gewundert, was hier wohl gebaut wird und hatte eigentlich mehr auf eine Art Abstellzaun getippt, aber das ganze einmal umgedreht und mit ein paar simplen Matten darauf: Tada! Mein Liegeplatz für die nächsten 14 Stunden.

Über sehr knarrende Lautsprecher wird laut und blechernd Musik gespielt. Mit Anschlag des ersten Tonnes beginnen sämtliche Babys und Kleinkinder an Bord, also diejenigen die noch nicht gelernt haben, das Mitteilen über blutende Ohren und geplatzte Trommelfelle zu unterdrücken, laut an zu schreien. Besonders das Kind im Bett neben mir hat diesbezüglich ein sehr großes Mitteilungsbedürfnis. Ich kann das sehr gut verstehen, allerdings hat seine Mutter dran gedacht ihm Essen für die Fahrt einzupacken während ich, nach meinem Toast heute morgen, also etwa vor 12 Stunden, ohne Essen bis zur Ankunft in Cebu dastehe, weshalb mein Mitleid beschränkt ist.
Später am Abend läuft dann Jemand an mir vorbei, der mich doch glatt verdutzt zweimal hingucken lässt. Auch mein Gegenüber schaut mich überrascht an. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl schwillt in mir an und als unsere Blicke sich kreuzen, steckt in ihnen so viel Verständnis und das Wissen, nicht allein zu sein. Zwei Touris haben sich gefunden, in Mitten einer ansonst 100%igen Filipinobesetzung.

Zumindest ist in diesem Etablissement der Sonnenuntergang vom Bett aus mit inklusive. Hier muss man nämlich ausnahmsweise mal extra bezahlen, um keinen Meerblick zu haben. Das Meer ist zu meiner Erleichterung überraschend ruhig. Anfangs bin ich mir, auf Grund des kompletten Schwarz um mich herum, nicht einmal sicher, ob wir überhaupt schon losgefahren sind. Erst ein Blick auf meine Offline Karte verrät mir, dass wir schon seit einiger Zeit fahren. Zumindest bin ich sehr denkbar für die recht sanfte Fahrt, nachdem ich echt unsicher war, ob ich diese überhaupt Antreten soll nach meiner weniger schönen Erfahrung mit einer Fähre nach Island letztes Jahr. Bei dieser war ich mir nämlich jede Nacht sicher gewesen ertrinken zu müssen. Wahrscheinlich müsste jeder unter euch Lesern genug Vorstellungskraft haben, um sich vorzustellen, wie es sich so auf einem offenem Deck bei voller Fahrt voraus, mitten auf dem Meer schlafen lässt. Der Fahrtwind ist durchgehend präsent und peitscht durch den Raum, wobei die Bezeichnung Raum wahrscheinlich Wände voraussetzen würde. Ich schlafe zwar, gemessen an den Verhältnissen, erstaunlich gut, wache aber regelmäßig auf, da mein Handtuch, das ich versuche irgendwie als Decke zu benutzen, vom Wind permanent weggeweht wird. Jeder, der schon einmal mit irgendeinem Verkehrsmittel eine Nachtstrecke hinter sich gebracht hat, kennt wohl das, mit nichts zu übertreffende Hochgefühl des auf die Uhr Blickens und Feststellens, dass man doch glatt ein paar Stunden geschlafen hat.
Einmal wache ich auf und schaue auf meiner Karten-App wo ich mich befinde. Mein GPS zeigt mich irgendwo vor der Küste Afrikas an. Obwohl mir rein logisch klar ist, dass das kaum stimmen kann, ist ein Teil von mir verunsichert, ist es doch stockdunkel draußen und wer weiß schon wie lang ich wirklich geschlafen hab.

Dann
: 4 Uhr morgens, ich wache zum hundertsten mal diese Nacht auf, diesmal von einem Hahnenschrei. Erstmal nichts besonderes. Vorallem nicht um diese Zeit und nicht in Asien. Denke ich zumindest, bis mir wieder einfällt wo ich mich befinde. Mitten auf dem Ozean. Somit weicht die Wut über das verfrühte Aufwecken der Frage wo kommt denn jetzt bitte ein bekloppter Hahn her? Die Antwort scheint der ominöse Pappkarton zu sein, der natürlich den Leuten direkt neben mir gehört. Das ist wohl das erste mal in meinem Leben dass sich meine, diesbezüglich sonst ganz unschuldige Vegetarierseele tief und innig eine Schlachtung wünscht.
So kann ich zumindest, wenn auch nicht ganz freiwillig, dem Sonnenaufgang über dem Meer zusehen. Ein wirklich schöner und beruhigender Anblick, der mich danach, durch und durch gelassen gestimmt, das Hahngeschreie sowie das Fiepen dutzender Küken, die wohl auch mit an Bord sind, stoisch ertragen lässt.

Seitdem traue ich mich allerdings nicht noch einmal einzuschlafen, weil ich mir nicht sicher bin wann wir den Hafen erreichen werden und ich es hasse erst bei Ankunft aufzuwachen und dann ohne Vorwarnung, aus dem Nichts und noch halbschlafend in einen neuen Ort geworfen zu werden. Dementsprechend müde bin ich, als wir in Cebu anlegen. Mein nächster und einziger geplanter Schritt ist, einen Ort zu finden an dem eine Kombination aus Kaffee und Wlan erhältlich ist. Dass Letzteres nicht leicht zu finden sein wird, ist mir schon bewusst, wurde ich doch sogar bei McDonalds verwirrt angesehen, als ich das letzte mal dort nach Wlan fragte. Nach einer 21 stündigen Route ist das Bedürfnis nach einem Bett groß, das nach einer Dusche noch viel größer. Allerdings überwiegt der Wunsch, so schnell wie möglich aus Cebu City wegzukommen. Ich hasse die meisten großen Städte und versuche sie beim Reisen bestmöglich zu umgehen, viel lieber würde ich gleich weiter fahren auf eine der kleineren Inseln. Das würde allerdings eine weitere etwa 5 stündige Fahrt bedeuten. Mir graut es schon jetzt davor, mich wieder in den Planungswahnsinn zu stürzen. Auf meiner Landkarte sehe ich, alle Orte zu denen ich möchte sind meilenweit von einander entfernt, ein Hin- und Herfahren unumgänglich.

Aber das ist schließlich das spannende am Backpacken, nicht wahr? An irgendeinem fremden Ort ankommen, ohne Plan, ohne Ahnung, keinen Hauch eines Schimmers wo man heute Nacht schlafen wird. Ich gebe zu, in so manch einer Stunde, bekommt das Wort Pauschalreise etwas verlockendes.
Ich bin nun also in Cebu City angekommen. Darüber würde ich mich gerne mehr freuen, doch die Stadt erschlägt mich geradezu mit ihrer Unattraktivität. Nachdem ich meiner Offline Karte einmal quer durch die Stat gefolgt bin, von einem nicht vorhandenem Café zum nächsten, gebe ich mich schließlich mit einem weiteren Wlan-losen McDonalds zufrieden, der Kaffeedosis zu liebe. (Der Ketchup, den ich hier aus Versehen auf mein gesamtes  Outfit spritze passt übrigens perfekt zu dem riesigen Loch in meiner Hose, das ich soeben entdeckt habe und meinem übrigen Erscheinungsbild dank fehlender Dusche und der Tatsache, dass die vermeintliche Schädlichkeit aluminumhaltiger Deos noch nicht bis in asiatische Supermärkte gedrungen ist und es somit unmöglich ist ein neues zu kaufen).

Schon bei dem Weg hier her, vorbei an Ramsch Läden und Ständen mit i love Cebu City Shirts, für dessen Kauf man wohl eine sehr ironische Ader braucht, ist mir klar, dass ich hier nich bleiben möchte. Nicht ein mal für den Preis von weiteren 8 Stunden ohne Dusche. Also mache ich mich, nach einer Ene-Mene-Miste Runde über der Reiseführerseite mit den umliegenden Orten auf den Weg zum Busbahnhof und frage mich durch zum Bus nach Moalboal.
In philippinischen Reisebussen scheint ein Gesetz zu herrschen, welches dazu verpflichtet, sehr laut und mit einer sehr starken Basseinstellung Filme mit möglichst vielen sterbenden Familienmitgliedern der Hauptfigur zu zeigen. Genau das, was man 10.000 km und fast 3 Monate von seinem letzten Zusammensein mit seiner Familie entfernt braucht.
Auch ein Muss in jedem asiatischen Verkehrsmittel: Der Vermerk, dass man sich doch bitte anschnallen soll, da das nicht Angeschnalltsein strafbar sei. Als hätte es jemals in der Geschichte der Menschheit auch nur einen einzigen Anschnallgurt in einem asiatischen Verkehrsmittel gegeben. Als ich mit meinem Knie in dem, nicht für meine Größe angepassten Bus aus Versehen gegen die Rückenlehne der Frau vor mir stoße dreht sich diese ruckartig um und sieht mich mit einem so dermaßen hasserfüllten Blick an, dass ich mich ganz kleinlaut entschuldige und mir erneut etwas auffällt. Während die meisten männlichen Einheimischen (vor allem die Polizisten) unglaublich freundlich sind, einen immer im vorbeigehen grüßen und einem auch mal ungefragt helfen, sammele ich von der weiblichen Seite größten Teils böse und abschätzige Blicke und auch auf mehrmalige Nachfrage nur spärlich Hilfe und Auskunft. Anfangs besorgt, dass ich mich nicht ihren religiösen Erwartungen entsprechend lang genug anziehe, laufe ich seit Tag 2 nur noch in für ü30 Grad unmöglichen Anziehsachen herum, was mich aber wohl auch nicht sympathischer macht.

Ankunft in Moalboal

 

In Moalboal angekommen und mit dem Motorad samt Backpack auf dem Rücken in das Stadtinnere gefahren klappere ich dann eine ganze Reihe Hostels ab, bis ich eines gefunden hab, dessen Wlan Verbindung wenigsten zum versenden einer „Ich lebe noch“ Nachricht reicht.

Sonnenuntergang

Mit meiner sehr langen Hostelsuche habe ich dann allerdings einen echten Glückstreffer gelandet. Denn sowohl der/die BesitzerIn als auch die Gäste sind überaus freundlich und heißen mich mehr als Willkommen. Zusammen verbringen wir alle einen sehr netten Abend und am nächsten Morgen habe ich auch gleich eine filippinische Frühstücksbegleitung sicher.

*uund mal wieder ein Bild, das das Wlan nicht als des Hochladens würdig anerkennt*

Jetzt werde ich erstmal versuchen, ein zwei Tage zur Ruhe zu kommen, bis ich mich dann in den nächsten Reisetrubel stürze. Man sieht sich (man ist ja nicht blind)!

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Andrea sagt:

    Hahahaha…. Das Zittern um dein Überleben bis Sonntag morgen hat sich sehr gelohnt.

    Gefällt 1 Person

  2. Borchardt sagt:

    Und wir dachten immer, wir haben auf unseren Reisen viel erlebt, haha………
    Also noch einmal, Dein Blog ist top. Es ist super schön für uns, auf diese Weise an Deiner aufregenden Reise teilzunehmen.

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