Die Reise geht weiter, und das nicht ohne – Teil 1

Innerhalb der Philippinen reisen: ziemlich kompliziert (vorallem wenn das Budget nicht für vier Flüge pro Woche gedacht ist und man ganz verwöhnt aus simplen Reiseländern wie Thailand & Co. kommt). Reisen innerhalb der Philippinen, wenn man sich den Namen seines Zielortes partout nicht merken kann: Selbstredend noch eine ganze Stufe konplizierter. So geht es mir anfangs mit Legazpi. Kartenverkäufer, Bus- und Tricycle Fahrer müssen für mich eine Engelsgeduld aufweisen, sämtliche Anagrame mit mir durchgehend. Lezgabi? Legzabi? Lazgebi? Leichter fällt mir das ganze erst, als mir auffällt, dass Legazpi ausgesprochen quasi eine französische Form des Great Gatsby ist. Obwohl ich nun verbal dazu in der Lage wäre, muss ich jetzt trotzdem erstmal nicht so schnell nach Legazpi zurück. Dazu im Folgenden mehr.
Nachdem ein überaus freundlicher und hochmotivierter Hostelangestellter mir bereits direkt nach meiner Ankunft im Hostel um 0:00 Uhr einen Zettel zusammengestellt hatte mit sämtlichen Sehenswürdigkeiten in der Nähe un den Namen der benötigten Jeepnys, mache ich mich am nächsten Morgen, an meinen Zettel geklammert auf zur Mainstreet. Nachdem ich das erste haltende Jeepny mit dem Versuch verscheucht habe, ihn auf den üblichen Jeepny Preis herunterzuhandeln, füge ich mich meinem Touri-Schicksal und setzte mich zu den anderen Passagieren in die philippinische Variation des TukTuks. Das Geld für die Fahrt wird eingesammelt. 8, 8, 8, 8, ahh eine Blonde; 24, 8, 8. Angekommen in Ort X, für den ich keine Eselsbrücke finden konnte, werde ich sogleich von einer jungen Frau angesprochen, ob ich einen Motorradfahrer brauche. Sie kennt da Jemanden der da Jemanden kennt. Zusammen machen wir uns auf dem Weg und treffen bald auf einen Mann, der einer dieser Jemande zu sein scheint und sich uns anschließt. Das ganze wiederholt sich dann noch ein Paar mal, bis sich eine größer werdenende und auf einer mir unverständlichen Sprache redende Menschengruppe um mich gesammelt hat und wir zusammen durch die Straßen laufen. Näher werde ich der Restaurant-Schluss Szene mit Colin Firth und der portugiesischen Großfamilie in Tatsächlich…Liebe wohl nie wieder kommen.

Als wir besagten letzteren Jemanden schließlich gefunden haben und wir auf dem Motorad über kleine Wege durch ein Meer von Palmen und sattem Grün düsen wird mir innerhalb weniger Sekunden klar,  ich liebe die Philippinen. Und diese Fahrt hat schon jetzt einen Platz auf meiner nächsten TopTen. Selten wirst du dich so lebendig fühlen wie mit einem Filipino auf einem Motorad, mit voller Kanne Fahrtwind im Gesicht und dieser Aussicht um dich herum.


Angekommen bei den Green Hills begleitet mich mein Fahrer bei der kurzen Kletterstrecke. Das ist zwar auf der einen Seiten gut, da ich somit schon einen Fototgrafen sicher habe allerdings bedeutet Begleitung auch immer sein Schnaufen beim bergauf Laufen kontrollieren zu müssen. Auch meine Hoffnungen auf eine starke Raucherlunge seinerseis werden nicht erfüllt, weshalb mein Begleiter immer wieder gnädig auf mich warten muss.


Nachwievor bin ich, zumindest außerhalb der Hostelzone, der einzige Tourist weit und breit. Und damit durchgehend eine Attraktion. Ich spüre mit jedem Schritt sämtliche Blicke auf mir, ich merke wie Leute über mich reden und lachen. Permanent werde ich angesprochen, hin und wieder von Fremden auf der Straße angefasst. Also, offizielle Nachricht an alle Z-Promis da draußen, die noch nach Aufmerksamkeit und Ruhm suchen: Kommt nach Asien. In keiner RTL Show werdet ihr mehr davon kriegen! (Eventuell liegt das alles aber auch an meiner unglaublich charmanten Ausstrahlung, da kann ich jetzt natürlich nichts versprechen). Manchmal frage ich mich dann selbst, ob ich mir das etwa nur einbilde, aber:

Just because you’re paranoid, don’t mean they’re not after you

Das ganze ist vergleichbar damit, auf einer Party zu sein auf der man niemanden kennt. Mit einer ordentlich guten Laune und einem freundlichen Lächeln auf der anderen Seite kann das natürlich super sein und einem viele neue Bekanntschaften ermöglichen. Wenn dem nicht so ist oder auch noch ein paar giftige Blicke im Spiel sind kann es allerdings auch schrecklich sein. So ist schon bald das Lächeln der Filipinos meine Droge. Und die hat mich voll und ganz im Griff, zusammen mit sehr komplizierten Reiserouten schafft sie das optimale Gefühlschaos.

Mein nächster Tag auf den Philippinen ist hierfür eine Paradebeispiel. Schon auf den ersten Blick hasse ich diesen Tag, denn dieser fällt nämlich auf meine Uhr. Die letzte Nacht über dem Reiseführer verbracht, verzweifelt einen Weg in mein nächstes Ziel suchend und schlussendlich zu spät schlafen gegangen habe ich es geschafft meinen Wecker um 2,5 Stunden zu verschlafen. Damit ist ziemlich sicher, dass die einzige Route, die eine Chance hatte zu funktionieren, wegfällt. Zudem sinkt die Chance, Wahlhaie auf der Tour, die ich heute machen wollte zu sehen mit jeder Stunde, die vergeht. Umso mehr beeile ich mich zum Busbahnhof zu kommen. Womit ich nicht rechne: hier beginnt der Wahnsinn erst richtig. Selten (aber doch das eine oder andere mal) war ich auf meiner Reise dem kompletten Nervenkollaps so nah wie hier. Komplett verschwitzt und fertig nach dem null auf hundert Start aus dem Bett zum Minivan nach Donsol sitze ich nun auf meinem Sitz. Der Van etwa halbvoll. Das Prinzip dieser Vans, dass sie warten bis alle Plätze voll sind, war mir durchaus bekannt. Jedes mal wenn nur noch ein Platz frei ist entscheidet sich eine Gruppe auszusteigen. Fünf Minuten später kommt natürlich der fehlende Passagier. So wiederholt sich das Spiel immer wieder. Die Passagieranzahl variiert ständig, allerdings nur im Zahlenraum 1 (ja, zwischendurch bin ich immer wieder die einzige in Bus) bis Maximalkapazität minus 1. Als der Minivan schließlich nach 3,5 Stunden die Tore Legazpis verlässt bin ich die einzige der ursprünglichen Passagiere und zudem unfähig zu jedem klaren Gedanken und überzeugt davon einen der schlimmsten Tage überhaupt zu haben. Noch nie habe ich ein Land gleichzeitig so geliebt und gehasst, das Wort Hassliebe gewinnt hier ganz neu an Bedeutung.

Und dann: Wenn du glaubst es geht nicht mehr kommt von irgendwo eine kleine Filipina her, die zu dir meint dass du trotzdem noch deine Fähre am nächsten Tag kriegen und davor eine andere Walhaitour machen kannst. Die Einfachheit mit der sie mir das erklärt haut mich praktisch um. Ich bin zwar noch nicht ganz so zuversichtlich wie sie und sehe mich nachwievor auf meinem Zwischenstopp eine Woche auf die nur ein mal pro Woche fahrende Fähre warten, aber langsam sterben die Zweifel an meiner gesamten Existenz ab.

Als ich in ein zu teures Hotel eingecheckt habe und mich mit einem weiteren nicht funktionierendem Wlan verbunden habe (die größten Teils unglaublich schlechte Internetverbindung macht das Reiseroute planen, dass nur aus irgendjemandem auf Tripadvisor und Facebook, der da mal 2009 langgefahren ist, vertrauen besteht, noch um einiges schwieriger) falle ich heulend in eine der Hängematten zwischen zwei Palmen, direkt am Strand, umgeben von nichts außer dem blauen Himmel. Was für eine Tragiromanze.


Um mich selbst davon zu überzeugen, dass es hier schön ist, buche ich für den Abend eine Fireflies Tour. Diese führt mit einem kleinen Bötchen bei Sonnenuntergang vorbei an, von Tausenden Glühwürmchen erleuchteten Malgroven Bäumen. Wie romantisch. Und mitten drin Lola mit den verheulten Augen und einer handvoll Pärchen um sie herum. Besonders schön ist das leuchtende Plankton im Wasser, das ich schon aufgegeben hatte in Asien zu Gesicht zu bekommen. Auch wenn diese Tour auf jeden Fall toll war, mein Tageshighlight ist schließlich als ich zu meinem Sandwich unerwartet Pommes gratis dazukriege.

Der nächste Tag beginnt mal wieder früh. Diesmal allerdings mit 5 Weckern hintereinander. Nach einem kurzen Einführungsvideo, welches geradezu lächerlich begeisterte Tourteilnehmer zeigt geht es ab auf das Boot. Wir tuckern Runde für Runde immer wieder die gleiche Strecke ab. Nach anderthalb Stunden sinkt die Stimmung spürbar. Auch unsere Tourguides scheinen aufgegeben zu haben, so haben sie von dem anfänglichen aufgeregten auf dem Boot Herumgeklettere und Ausschaugehalte zu hin und wieder mal einen gelangweilten Blick ins Wasser werfen gewechselt. Ich persönlich mache schon meine Mutter für die Pleite verantwortlich, die wahrscheinlich zu Hause betet, dass wir keinen Wahlhaien begegnen für den Fall dass sie ihren Speiseplan doch spontan von Plankton zu Menschenfleisch geändert haben.
Und dann aus dem nichts geht es los. Der so erwünschte Spruch wird über das Boot gebrüllt „GUYS GET READYYYYY!“. Hektisch werden die Kleider von den Leibern gerissen, in Tauchbrillen gespuckt und Flossen angezogen. Als wir zum Absprung bereit am Rand des Bootes sitzen, wartend auf das Kommando des Guides während das Boot immer mehr beschleunigt, uns das Wasser ins Gesicht peitscht und mein Herzschlag sich aufs unerträgliche erhöht ist mir klar: ich werde keinen Taucherschein machen. Viel zu aufgeregt bis fast ängstlich bin ich schon davor hier ins Wasser zu springen. Dann der Ruf des Guides „JUMP JUMP JUMP“. Im Meer reißt uns die Strömung so gleich mit, dann tauche ich unter und sehe es. Ein riesiger Wahlhai direkt neben mir, anfangs bin ich so nah dran und das als einzige, dass ich mir nicht sicher bin ob das überhaupt richtig ist. Diese erste halbe Minute ist wirklich magisch, so wie ich neben diesem riesigen, imposanten Tier schwimme. In diesem Moment kann ich mein Glück kaum fassen und vergesse immer wieder zu atmen (denkt euch das Wortspiel bezüglich atemberaubend bitte einfach dazu). Genau diese halbe Minute braucht die Horde aus Schnorchelwütigen um mich einzuholen. Ab jetzt ist dieses tolle Erlebnis von Ellenbogen in den Rippen und dutzenden von Flossenpaaren im Gesicht geprägt. Immernoch faszinierend, doch nicht vergleichbar mit meinen ersten Sekunden, die mir keiner nehmen kann mit dem Butanding, wie sie von den Filipinos genannt werden. Während der Wahlhai sich ganz gechillt mit ein paar wenigen Flossenbewegungen durch das Meer bewegt, strampelt alles um ihn herum wildkeuchend, um mit ihm mitzuhalten. Meine Beine werden schwer und das Salzwasser brennt in den offenen Mosquitostichen, aber nichts desto Trotz ist mir klar: ich werde einen Tauchschein machen. Als wir schließlich komplett ausgelaugt aber glücklich am Deck des Bootes uns wieder niederlassen und uns gerade hinsetzen wollen ertönen die Worte „ARE YOU READY GUYS?“, eine Frage die keinen Antwortenspielraum freilässt und uns alle wieder ins Wasser treibt. Ein zweites mal und auch noch ein drittes mal können wir mir den beeindruckenden Tieren schwimmen, bevor wir uns zurück zum Hafen machen. Bei dem begeisterten Gespräch zwischen uns Teilnehmern auf dem Rückweg wird mir klar, das Einführungsvideo war keinesfalls ein schrecklich schlecht gespielter Film sondern die ernsthaften und, zugegebenerweise etwas bekloppten, Worte von von Adrenalin und Glückshormonen gesteuerter Teilnehmer. Die Philippinen sammeln in Rekordzeit TopTen Momente und lassen mich in kürzester Zeit mehr Emotionen durchleben als jede Frau auf PMS.


Nach der Tour mache ich mich sofort auf den Weg nach Pilar, wo die Fähre nach Masbate, meinem Zwischenstopp, abfährt. Das Jeepny fährt in einer Geschwindigkeit, die jeden der so ungeduldig ist wie ich in Sekunden zum Kochen bringen kann und mich zu der Überlegung führt, ob 8 Kilometer in der prallen Mittagssonne und dem Gewicht eines gut genährten Kleinkinds auf dem Rücken laufen nicht auch eine akzeptable Option wäre. Irgendwann komme ich dann aber auch so schließlich am Hafen an. Hier wird zum betreten des Ticketschalters eine Gebühr verlangt und auch das Ticket selbst ist um einiges teurer als reisemaus78 auf Tripadvisor behauptet hat. Nach zweieinhalb Stunden warten kann ich das Schiff dann betreten und mir wird der Platz ganz vorne neben dem Lüftungsschacht zugewiesen. Aber das ist kein Problem, wird der Lärm doch von der Panik überdeckt, die Anschlussfähre zu verpassen. Ich werde gebeten die Emergency Instruction zu studieren. Das geht relativ schnell. „1. in case of emergency dont panic 2. do not scream or be hysterical“. Ich versuche das zu verinnigen und gehe, hin und hergewogen von den Wellen, im Kopf schonmal die Anzahl von verbliebenden Plastiktüten und Reisetabletten durch.

Jetzt hoffe ich erstmal, dass ich irgendwie die Anschlussfähre noch erwische. Ich werde berichten, im Falle des Verpassens der Fähre, nach einer angemessenen Trauerzeit. Drückt mir dir Daumen!

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7 Kommentare Gib deinen ab

  1. tim sagt:

    Wenn lachkrampf und tränen nachlassen probier ich das nochmal zu lesen…..

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  2. Andrea sagt:

    Ich liebe deinen blog… Wann kommt Teil zwei? Wann und wie geht es weiter?…blogjunkie (die mutta)

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    1. lolalucil sagt:

      … und ich liebe dich

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  3. Großartig, Lola! Ich hab wieder so gelacht 😀 Gibt’s Fotos von der Glühwürmchen-Tour? Bin schon gespannt was als nächstes kommt! – Anna St.

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    1. lolalucil sagt:

      Jaahaa fotos gibt schon, nur glühwürmchen darauf erkennen ist nicht so einfach 😉 dann werd ich mal gleich in deinen blog schaun..

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  4. Borchardt sagt:

    Hallöle, mußte mich im Internet erst einmal schlau machen über Wahlhaie. Die fressen ja gar keine Menschen…., aber trotzdem sehr mutig von Dir, mit ihnen zu „plantschen“.
    Ich bewundere übrings auch, wie viel Du auf Deinem Smartphone schreibst. Supi!!!

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  5. Wie ist das …nicon für „Sprachlos“ ?

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