Damals, als wir trampen wollten

Es waren einmal zwei, die Nachtbusse leidgewordene, junge Damen irgendwo in Vietnam…

Unser Sleeper nach Phoung Nha

Ja, auch dieser Blogeintrage enthält mal wieder einen der sagenumwobenen Nachtbusse. An dieser Stelle muss ich aber fairer Weise zugeben, dass die vietnamesischen „Sleeper“ Busse ein eindeutiges Upgrade der laotischen sind und bei 20-30 cm Körpergröße weniger meinerseits geradezu als bequem durchgehen könnten. Trotzdem, die Ankunft um 4 Uhr morgens in Phoung Nha ist auch hier wieder nicht gerade entspannt. Gleich sieht man, dieses Dorf lebt vom Nachtbusverkehr. Hier her und von hier weg kommt man per Bus ausschließlich vor Sonnenaufgang, Cafés werben als „Perfekt zum Entspannen vor dem Sleeper“ und die Hostel-Rezeption hat genau die halbe Stunde nach Ankuft des Busses geöffnet. Da wir uns schon kurz nach Ankuft in Phoung Nha fragen, was wir hier eigentlich wollten, werden die Backpacks wieder aufgeschnallt, sobald wir es fertig gebracht haben, sämtliche gratis Services des Hostels, in dem wir nicht beabsichtigen zu nächtigen, in Anspruch genommen zu haben. Nachdem wir uns an der Rezeption über Busse informiert, die Toiletten benutzt und unsere Rucksäcke von den Mitarbeitern während unserer Frühstückspause bewachen haben lassen, scheut uns nun aber doch davor, die Gemeinschaftsdusche auch noch schnell zu benutzen und ins Handtuch gewickelt in der Lobby zu sitzen. Dann bleibt nur zu hoffen übrig, dass noch ein weiterer Tag ohne Dusche unserem heutigen Vorhaben, unserer nächsten Challenge, nicht im Wege stehen wird. Denn das heutige Tageshighlight heißt: Trampen. Im Internet spalten sich die Meinung zum Thema Trampen in Vietnam von unmöglich bis zu naja, versuchen kann mans mal, aber eigentlich unmöglich. Aber nichts kann uns aufhalten. Hoch motiviert und ausgestattet mit diversen improvisierten Schildern machen wir uns auf den Weg zur Kreuzung mit der nächsten größeren Straße. Auf dem Weg besprechen wir schon die Belohnung, die uns zusteht, wenn wir es heute in die nächste Stadt schaffen. Die Aussicht auf ein gutes indisches Essen, ein kühles Saigon Export Bier sowie ein ordentliches High Five werden uns heute begleiten.

Obwohl oder vorallem weil mir der übliche Abfall der typischen Trampversuch-Motivationskurve von diversen Versuchen in Island bekannt ist, genieße ich in vollen Zügen die anfängliche unhaltbare, energische Motivation. Wir schaffen das! Warum auch nicht? Dass in Vietnam allergrößtenteils Roller gefahren wird und nur jedes 10.-30. Verkehrsmittel ein Lkw/Truck/Auto ist, ist für uns kein Grund zum Zweifeln. Genausowenig, dass hier eigentlich prinzipiell versucht wird aus allem Geld zu holen.

Der ursprüngliche Versuch nach Hoi An zu kommen

 

Langweilen müssen wir uns zumindest nicht. Praktisch durchgehend sind wir von Motorradfahrern umzingelnd, die uns für umgerechnet ein paar Euro mit in den nächsten Ort nehmen wollen. Aber auch ohne meine Erinnerung an den einen Versuch mit meinem Backpack auf dem Rücken und dem Tagesrucksack vorm Bauch hinten auf einem Motorrad in Chiang Mai mitzufahren, sind wir hierfür nicht zu haben, unser Ehrgeiz ist geweckt.

Nach etwa einer halben Stunde fangen wir an, an der Internationalität des doch so internationalen Tramperzeichens zu zweifeln. Mit Daumen ausstrecken scheinen die meisten partout nichts anfangen zu können. Also versuchen wir es mit dem Hand-Wedeln, das wir schon öfters beim Versuch der Einheimischen den Bus anzuhalten gesehen haben. Die nächste halbe Stunde fährt eine ganze Reihe an sehr freundlich zurückwinkender Fahrer vorbei. Zwar nicht ganz das, was wir uns erhofft haben, aber bestimmt haben wir ihnen wenigstens mit einem freundlichen Winken den Tag versüßt. Schließlich gesellt sich eine ältere Vietnamesin zu uns, der wir wohl mit unseren erbämlichen Versuchen leidtun. Hartnäckig veruscht sie uns etwas zu erklären. Ich meine heraus zu verstehen, dass Winken und Daumen schon mal ganz falsch ist. Zunehmend verunsichert stehen wir nun also am Straßenrand und wie soll es anders kommen; natürlich ist die Motovation ganz am Boden, jegliche Hoffnung versiegt und Aufbruchstimmung liegt in der Luft, als schließlich nach nicht mal zwei Stunden ein Auto ein paar Meter vor uns hält.

Ich muss zugeben, als der Beifahrer, ein kräftiger Typ in Lederjacke und verspiegelter Sonnenbrille, aussteigt, ist meine erste Assoziation asiatische Mafia. Als er den Kofferraum öffnet (komischerweise nur um unsere Backpacks zu verstauen) habe ich mich schon vollkommen damit abgefunden, die nächsten Stunden gefesselt im Kofferraum zu vebringen. Doch als uns dann auf der Rückbank erstmal jedem ein Wasser angeboten wird und uns Visitenkarten überreicht werden, schleicht sich eine noch viel größere Angst ein: Was ist wenn die Geld von uns wollen?? Mit einem Blick auf die ledernden Autositze, die feine Männerhandtasche sowie das IPhone 7 in der Hand des Beifahrers wird allerdings schnell klar, dass deren Vermögen woll doch um einiges höher liegt, als das, was man sich wohlmöglich von zwei verschwitzten Frauen, in ihren nicht gerade frischesten Klamotten am Straßenrand erhoffen könnte. Also doch wieder auf Angst eins fokusieren. Bei jedem der eingehenden Anrufe auf den Handys der beiden warte ich nur auf die Worte „Ja. Wie verabredet. Zwei Frauen. Jaja um Mitternacht Übergabe.“ 

Stattdessen halten wir nach einiger Zeit vor einem vietnamesischen Restaurant und schon fangen die beiden eifrig an Essen zu bestellen. Die Tatsache, dass wir beide Vegetarierer sind, akzeptieren sie unglaubwürdig und bestellen aufmerksam noch mehr Essen.

Natürlich konnte ich kein Handy rausholen, ohne dass..
…gleich noch ein Foto zusammen gemacht wird

 

Beim Smalltalk unter Einsetzen von den mäßigen Englischkenntnissen des Fahrers und Google Übersetzer werden gleich die wichtigsten Informationen ausgetauscht. Nummer eins Priorität hat hier natürlich das Austauschen der Facebook-Accounts und es dauert auch nicht lange, bis die zu erwartene Meldung auf meinem Bildschirm erscheint „… hat ein Foto von dir hinzugefügt“. Natürlich wird unser Angebot, das Essen zu bezahlen, abgelehnt. Sein Höhepunkt erreicht das Ganze dann aber noch, als uns auch noch Geld geschenkt wird. Weil das ja chinesisches Geld ist und das brauchen sie ja nicht. Ah.

Nach zwei weiteren Stunden Fahrt angekommen in Hue (zwar nicht ganz wo wir hin wollten, aber immer noch gut), fällt uns der Abschied von unseren beiden Freunden sehr schwer. Aber schon bald bekomme ich die erste Facebook Nachricht, es ist also nur der halbe Abschiedsschmerz.

Auf dem Weg, unser verdientes Feierabend-Bier zu genießen, werden wir von einer Gruppe Vietnamesinnen angesprochen. Ob wir nicht was Englisch mit ihnen reden wollen, damit sie die Sprache besser lernen können. Locker ein bis zwei Stunden unterhalten wir uns mit einer größer und größer werdenden Menschentraube aus asiatischen Studenten und stoßen mit unseren noch so banalen Erzählungen über uns, unsere Reise und unser Leben in Deutschland auf geradezu absurdes Interesse. So profitieren wir gegenseitig voneinander, sie können ihr Englisch verbessern und wir kriegen ein gratis Ego-Pusher, indem man uns gebannt an den Lippen hängt und jedes Detail wissen möchte. Auch hier fliegen die Freundschaftsanfragen auf Facebook gerade zu und noch einen Tag später erhalte ich im Stundentakt welche. Selbstredend bin ich auch gleich auf dem nächsten Bild markiert.

Tief versunken in das Gespräch mit den Einheimischen

Zusammengefassst ein sehr turbulenter und schöner Tag voller neuer Bekanntschaften. Aber jetzt erstmal das indische Essen und vorallem das High Five.

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7 Kommentare Gib deinen ab

  1. Andrea sagt:

    Ahhhhhhhhhh. mein baby ist getrampt…. Und ich hatte nicht Mal Zeit, mir Sorgen zu machen….

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    1. lolalucil sagt:

      hahah ja ganz bewusst nichts von unserem spontanen vorhaben erzählt :-*

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  2. Tim sagt:

    Hab tränen gelacht t-:
    wünsch dir noch viele tolle highligts

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    1. lolalucil sagt:

      Ganz viel Liebe ins Büro geschickt 🙂

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  3. Hallo lilalola,
    zum Trampen kann ich auch etwas beitragen. Meine ersten Versuche startete ich nach einem buchstäblich ins Wasser gefallenem Versuch, in St. Peter Ording an der Nordsee mit Schulkameraden zu zelten. Wir starteten in Travemünde. Nach ca. 2 Stunden stellte sich eine so hübsche junge Frau wie meine Enkeltochter neben uns. Gott sei Dank, sie wollte wohl nicht trampen. Jeden Falls nicht mit jedem VwFiatOpel-TöffTöff. Beim ersten Mercedes wackelte u.a mit dem Daumen. Weg war sie.

    Ich bewundere Deinen Mut. Denk an die alte Tramperweisheit: Der nächste hält bestimmt.
    Ich beglückwünsche Dich dazu, dass der Tag ein so schönes Ende genommen hat.

    Du hältst es sicher für einen billigen Scherz und glaubst es nicht: wärend ich dies schreibe, segelt ein Mädchen im Fernsehen in einer Zipline durch die Berge. Und gerade hat sie zu früh gebremst und schaukelt zappelnd über einem hohen Tal.

    Zurück zu Deinem Blog. Wir sind wieder zu Haus und ich habe endlich Deinen Bericht auf einem großen Rechner noch einmal gelesen. Ganz lieben vielen Dank dafür, dass Du uns so an Deiner Reise so teilnehmen läst. Der Bericht ist super. An Hue kann ich mich übrigens erinnern Hier sind wir auch geradelt. (Wer braucht schon Beremse, Klingel, Helm oder Pedalen an den Tretarmen?). Die Felgen waren vom Berliner Radiosender 88,8 gesponsert, so meine Erinnerung.
    Liebe Grüße vom stolzen (ich kann das auch richtig schreiben) Opa

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    1. lolalucil sagt:

      Ja da scheint das Tramperblut wohl in der Familie zu liegen, ich hoffe ihr habt den Übergang von den spanischen Temperaturen überstanden. Ganz viel liebe Grüße, ich vermisse euch 🙂

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  4. Borchardt sagt:

    Hallöle, haben mit Dir in unserer Wandergruppe in Gran Canaria ganz schön angegeben. Dabei kam heraus, dass die Enkelin einer Mitwanderin auch gerade in Vietnam ist. Falls Du also eines junges Mädchen aus dem Schwabenland triffst, schönen Gruß.
    Hoi An hat einen tollen Markt. Ich habe damals bewundert, wie alle in tief gehockt sind. Schon damals wäre ich nicht zu dieser Körperhaltung in der Lage gewesen.
    Unsere Radtour war zwar in einer anderen Stadt (ich muss ja Opa immer korrigieren, kennst mir ja!), aber trotzdem auch sehr abenteuerlich.

    Auch ich finde Deinen Blog super. Weiterhin alles Liebe und viel Glück. Oma

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